"Mal ketzerisch gefragt..."
Interview mit Moderatorin Jasmin Hamadeh
Welche Module betreuen Sie?
Jasmin Hamadeh: Aktuell: Betriebliches Gesundheitsmanagement
2009, 2010/2011 und ab September 2011 wieder: Klinische Pharmazie
Viele viele schöne Male: Train the E-Trainer
Wie sind Sie zum E-Learning gekommen?
Jasmin Hamadeh: Ich mach es kurz: Nach meinem Studium (Geisteswissenschaften) Arbeit in der (Präsenz-) Erwachsenenbildung, dann bei einem Fernstudienanbieter ab 2000 bei der Einführung einer der ersten moderierten studienbegleitenden "Virtuellen Räume" als Moderatorin dabei gewesen, danach ein E-Learning Informationszentrums mitaufgebaut und Bildungs- und Weiterbildungseinrichtungen beraten, im Rahmen des E-Learning Projek-tes OLIM 2002 als Mediendidaktikerin zur AWW gekommen - und seit 2006 freiberuflich in didaktischen E-Learning-Angelegenheiten unterwegs; immer wieder - und auch sehr gern - auch für die AWW.
In der freiberuflichen Arbeit vorwiegend Moderatorin, Supervision für Dozenten/innen, Teilnehmerbetreuung, didaktische Begleitung von Pilotläufen, Beratung bei Einführung oder Konzeptionierung von moderierten E-Learning-Kursen oder E-Learning-Elementen.
Details auch unter http://www.jasmin-hamadeh.de
Mal ganz ketzerisch gefragt: E-Learning ist doch selbstgesteuert. Da braucht es keine Trainer oder Moderatoren mehr. Wie sehen Sie das? Worin besteht Ihre Rolle?
Jasmin Hamadeh: Was im Leben ist schon selbstgesteuert? ;-)
Mal im Ernst: Klar, gibt es auch: E-Learning in Form von digital aufbereiteten Inhalten, Übungsfragen, Tests und Lösungen. Und die Teilnehmenden steuern - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - selbst, was sie wann und wie intensiv tun. Das kann je nach Zielsetzung und Umfang des Kurses und Selbstdisziplin und Lernfähigkeit der Teilnehmenden auch durchaus zielführend sein.
Bei den AWW-Modulen geht es aber um komplexe Zusammenhänge, um Reflektieren, um Fähigkeiten und Kompetenzen. Die Teilnehmenden wollen und sollen nach Abschluss eines Moduls in der Lage sein, mit Fragestellen ihres beruflichen Alltags kompetent umzugehen. Und auch das Selbstbewusstsein haben, dass sie das können. Das ist ein hoher Anspruch.
Fachlich / inhaltlich gelingt das nur durch Austausch miteinander, kritisches Abgleichen: Ist das auch in meinem Alltag so umsetzbar? Wie schätzen Kollegen/innen das ein? Welche Erfahrungen / Bedenken etc. haben andere, die in vergleichbaren oder übertragbaren Situationen stecken? Das will durchaus gelenkt sein: durch Aufgabenstellungen, die diesen Austausch einfordern, hinterfragenden und vernetzendes Fragen von Moderatoren. Im Modul "Train the E-Trainer" sehe ich das als meine Hauptmoderationsaufgabe.
Wo ich didaktisch berate, steht die Frage im Vordergrund. Welche Ziele jenseits der Faktenvermittlung sollen erreicht werden? Wie kann das online nachhaltig gelingen? Und woran kann man festmachen, ob es gelungen ist?
In den Kursen, in denen ich "Sozialtutor" bin, ist mein Beitrag die soziale und "handwerkliche" Unterstützung: Ich unterstütze die virtuelle Teamarbeit, indem ich Strukturierungshilfen gebe, Erfahrungswerte weiterreiche, die Zusammenarbeit optimieren helfe - oder auch einfach mal schlichte, wenn wer aneinandergerät. Dafür bin ich kontinuierlich "online präsent" - lese die Korrespondenz auf allen Kanälen mit (das wissen alle Teilnehmenden natürlich) und vollziehe auf diese Weise nach, wie die Arbeit in den Teams läuft. Ich habe in den Jahren seit Start des OLIMs Projektes so beeindruckend oft und intensiv erlebt, wie sehr sich die Teilnehmenden in ihren Teams gestärkt und motiviert haben, dass es mir ein großes Anliegen ist, dieses Potenzial immer wieder greifbar zu machen.
Jenseits der Teamarbeit versuche ich - zusammen mit den Fachmoderatoren - auch zu zeigen: Hier merkt jemand, ob du da bist oder nicht; ich frage nach, wenn jemand eine Weile "unsichtbar" oder sehr verhalten ist - und biete an, dabei zu helfen, sich wieder in das Modul einzufinden. Da gilt es bei mehrmonatigen Modulen schon auch mal persönliche, technische oder organisatorische Hürden zu nehmen - und das geht mit einer ausgestreckten Hand - auch wenn sie "irgendwie virtuell ist" - meist erheblich besser.
Und dann ist es mir in allen Rollen immer wieder ein Anliegen der Schwere mancher Inhalte und der gesamten Organisation von berufsbegleitendem Lernen ein bisschen Leichtigkeit entgegenzusetzen. Ich reiche Espresso und Kekse im virtuellen Cafe und versuche die Teilnehmenden auf noch anderen als den inhaltlichen Ebenen miteinander zu vernetzen - je stärker das Netz, umso sicherer der Weg zum erfolgreichen Abschluss.
Welchen Mehrwert bietet die Teamarbeit für die Teilnehmenden aus Ihrer Sicht?
Jasmin Hamadeh: Teams können enorm motivieren: Viele Teilnehmende erzählen auf den Abschlussveranstaltungen, dass sie sich so manches Mal nur aufraffen konnten, weil sie den anderen doch ihren Beitrag noch versprochen hatten - oder wissen: Die anderen sind in der gleichen Situation und arbeiten trotzdem mit. Und dann war es doch sehr lohnend, noch einmal richtig einzusteigen und hat nicht vor allem Zeit gekostet, sondern Energie gegeben.
Organisatorisch profitieren die Teammitglieder oft davon, dass sie die Fleißarbeit untereinander aufteilen können.
Aber was einen enormen Sprung in der Qualität des Lernens ausmacht: Bei geeigneten Fragestellungen und echter Teamarbeit ist das Ergebnis des Teams ist immer besser als das, was jede/r Einzelne dieser Gruppe allein zustande gebracht hätte. Die unterschiedliche Herangehensweisen, Erfahrungen, verschiedenes Wissen und Denken, das Hinterfragen und Reflektieren ist durch nichts zu ersetzen.
Gibt es in Ihrer bisherigen E-Learning Moderation etwas, was Sie besonders überrascht oder beeindruckt hat?
Jasmin Hamadeh: Keine Ahnung wie die Teilnehmenden - und die Moderatoren… - das machen - aber irgendwie scheinen die Tage während der Kurslaufzeiten weit mehr als 24 h zu haben. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel alle Beteiligten schaffen: Wie viel Inhaltliches ausgetauscht und erarbeitet wird, wie intensiv das Miteinander ist. Nicht zu glauben, dass ja in der Regel jeder "nebenbei" noch einen Arbeitsalltag hat, Freunde, vielleicht Familie und womöglich auch noch Hobbies…
Das ist auch gleichzeitig die Kehrseite: Gar nicht so leicht, sich dem Sog eines solchen Moduls zu entziehen - wie war das noch mit dem selbstgesteuerten Lernen - und Leben?
Das Schönste ist aber immer wieder zu erleben, wenn das Konzept aufgeht und Teilnehmende erzählen, dass sie mit dem Gelernten etwas erreichen konnten, dass sie das Selbstvertrauen hatten, es anzuwenden und dass es sich dann auch bewährt hat.
Dr. Marion Bruhn-Suhr befragte Jasmin Hamadeh.